Als Stadt, in der es an Angeboten für Adrenalinjunkies nicht fehlt, ist Baños ein beliebtes Reiseziel für aus- sowie inländische Touristen. Daher (und weil unsere Beine nach den letzten Tagen dringend eine Pause brauchten) gönnten wir uns das volle Touri-Programm und buchten einen Bus, der uns zu Wasserfällen bringen sollte. Nachdem wir zu Fuß drei verschiedenen Männern durch die Stadt gefolgt waren, die uns immer wieder an den nächsten abgaben, kamen wir schließlich in einem Hinterhof an, wo unser an den Seiten offener „Bus“ schon bereitstand. Wir wären nicht in Ecuador, wenn nicht eine riesige Box provisorisch hinten am Bus befestigt gewesen wäre, die sofort nach Start des Gefährtes in Betrieb genommen wurde. Natürlich war die Lautstärke auf Anschlag aufgedreht und Partymusik dröhnte uns direkt in die Ohren, während wir erst durch die Stadt und dann immer weiter flussabwärts fuhren. Gestoppt wurde der musikalische Genuss nur, wenn eine Frau mittels Mikrofon Informationen über bestimmte Plätze oder die Dauer von Pausen durchsagte. Die Pausen fanden an Plätzen statt, an denen man kurz mit Seilen von Brücken springen, über Schluchten ziplinen oder in wenig vertrauenswürdig wirkenden Ufos oder Kugeln über Abgründe fahren konnte. Zwar wurden diese Adrenalintätigkeiten lautstark und mit Angeboten wie „Zipline gemeinsam mit deinem Hund“ angepriesen, nachdem wir aber den alten Traktormotor sahen der den Spaß betrieb, hatten wir noch weniger Lust darauf und gaben unser Geld lieber für kleine traditionelle Snacks aus.

Der letzte Stopp der Tour führte uns schließlich zu einem beeindruckenden Wasserfall, hinter den wir durchspazieren konnten.

Da dieser Tag in Baños unter dem Motto „Erholungstag“ stand, machten wir uns abends auf in eine Outdoor-Therme, in der man in vier Becken mit Wasser vom Vulkan Tungurahua in unterschiedlichen Temperaturen relaxen kann. Highlight der Therme ist der riesige Wasserfall im Hintergrund, der in bunten Farben beleuchtet wird. Zweites Highlight waren die Badehauben die wir tragen mussten sowie die Tatsache, dass ab 20:00 Uhr einfach langsam das Wasser aus den Becken gelassen wird, als Zeichen, dass das Bad bald zusperrt.

Entspannt ließen wir den Abend noch mit Spielen und Bier auf dem Dach unseres Hostels ausklingen, bevor wir relativ früh schlafen gingen, um für den nächsten Tag fit zu sein.

Dieser begann nämlich damit, dass wir vom Hüttenbesitzer des Refugios am Tungurahua mit seinem Pickup abgeholt wurden, am Weg noch dessen Frau, Gummistiefel und einen Pferdesattel auf die Ladefläche aufluden und dann gemeinsam zum Beginn des Wanderweges auf den Vulkan fuhren, den wir in den nächsten beiden Tagen versuchen wollten zu besteigen.

Die ersten drei Stunden ging es durch Matsch bergauf, was uns aber wegen der coolen Umgebung kaum störte. Der Weg bestand aus mehreren Höhlen, die sich durch die verwachsenen Wege gebildet hatten sowie aus einer fast tropischen Fauna, durch die Nähe zum Regenwald. Wegen des Nebels dazu ergab sich eine mystische Stimmung und es wirkte fast, als würden wir durch einen Zauberwald gehen.

Nach den drei Stunden kamen wir schließlich beim Refugio (der Hütte) auf 3800m an und auch der Hüttenbesitzer holte uns wenig später mit seinem Pferd ein, das die Gasflasche für den Herd am Rücken trug und ziemlich schwitzte.

Oben erwartete uns eine wunderschöne Aussicht auf Ambato und die umliegenden Berge und immer wieder ließen sich sogar der Cotopaxi und der Chimborazo kurz hinter der Wolkendecke blicken.

Gemeinsam kochten wir den mitgebrachten Reis mit Gemüse und Thunfisch, was so ausartete, dass wir am Ende zwei riesige Töpfe voll mit Essen hatten. Wir luden den Hüttenbesitzer zum Essen ein und wurden dafür mit wertvollen Informationen über die weitere Wanderung belohnt, die uns noch bevorstand.

Schon bald darauf schlüpften wir in unsere Schlafsäcke im Schlaflager im Stock über uns, da der Wecker bereits um 2:00 Uhr klingeln und die herausfordernde Wanderung einläuten sollte.

Müde kämpften wir uns zur besagten Zeit aus den Schlafsäcken, setzten Helme und Stirnlampen auf und wagten uns hinaus in die stockdunkle Nacht, die glücklicherweise einen klaren Sternenhimmel für uns bereithielt.

In der ersten Stunde verlief der Aufstieg relativ unkompliziert, dann wurde der Weg zwar immer steiler, konnte aber durch die Steigeisen die wir ausgeborgt hatten, gut bewältigt werden. Schon bald waren keinerlei Pflanzen mehr zu sehen und wir gingen auf Sand und Steinen. Unangenehm wurde es erst, als plötzlich ein sehr starker Wind einsetzte, vor dem wir zwar immer wieder kurz durch große Felsen geschützt wurden, der ansonsten aber Kälte und große Konzentration erforderte.

Als wir zu einem ersten Kreuz auf 4600m kamen, ging endlich die Sonne auf und uns bot sich ein unglaublicher Ausblick auf die Wolken unter uns im Morgenrot und die Sonne, die sich über ihnen erhob. Mich erinnerte der Ausblick an den aus dem Flugzeugfenster, so hoch schienen wir zu sein.

Kurz darauf kamen wir an eine sehr steile Stelle, die nur noch aus Felsen und Eis bestand und die nur auf allen Vieren bewältigbar war. Dazu kam, das wir den Weg nicht mehr finden konnten und uns unsicher waren, noch richtig zu sein. Mit Fingern die ich vor Kälte kaum mehr spürte, dem extremen Wind, dem wenigen Sauerstoff sowie dem steilen Abhang neben uns, stellte diese Situation vor allem mental eine große Herausforderung für mich dar.

Als wir den Weg einfach nicht finden konnten hatte ich meine psychische Grenze erreicht und musste mir eingestehen, dass es mir an diesem Punkt zu gefährlich wurde und ich umdrehen sollte. Pauli ging es genauso und so beschlossen wir hinter einem großen Felsen windgeschützt zu warten bis die anderen drei das schwierige Stück hinaufgeklettert waren und dann zu zweit umzudrehen.

1,5 Stunden später hatten die Drei schließlich tatsächlich den Krater überwunden und den Gipfel auf 5020m erreicht, bevor sie sich auf den Weg zurück zum Refugio machten.

Dort herrschte große Freude als alle gesund wieder da waren und der übriggebliebene Reis des Vortages wurde feierlich verschlungen.

Die restlichen 1000 Höhenmeter vom Refugio nach unten schienen sich endlos zu ziehen, denn die Oberschenkel und Knie waren schon ganz schön mitgenommen. Trotzdem schafften wir es nach unten und machten uns noch am Abend auf den Weg nach Puyo – wo wir uns zur Abwechslung schon auf die Wärme freuten!


6 Kommentare zu „Tungurahua-Besteigung 🌋“

  1. Avatar von Waltraud Donnerer
    Waltraud Donnerer

    Vielen, vielen Dank für deine spannende Erzählung, beim Lesen bekam ich Gänsehaut, die nicht mehr weggehen wollte. Gratuliere euch allen zu dieser Leistung, vor dir, Miriam und Pauli, ziehe ich für eure Selbsteinschätzung den Hut!!! Ihr habt in dieser Situation richtig entschieden! Passt weiterhin gut auf euch auf. VlG aus der Heimat Waltraud

    1. Avatar von miriamabroadblog

      Vielen lieben Dank, das freut mich wirklich sehr zu lesen!! ☺️

  2. Avatar von Viktoria Wiener
    Viktoria Wiener

    Jedes Mal sooooo gefesselt von den Erzählungen 🙏🏼 best blog ever 🤩👍🏼
    Bussi Viki 😘

    1. Avatar von miriamabroadblog

      Daaaanke du Liebe 😘

  3. Avatar von Frank Weidinger
    Frank Weidinger

    Hey, es war so schön eueren Bericht zu lesen 😀
    Ich war 1989 auf dem Berg und es war ein Abenteuer..
    Damals war die Berghütte noch ganz klein, da konnten maximal 20 Leute auf dem Dachboden schlafen.. Auf dem Berg war soviel Schnee, das man teilweise bis zu Hüfte eingesackt ist. Der Muskelkater war richtig hart😂
    Der Bericht hat mich nochmal daran erinnert, wie schön Ecuador ist!!

    Danke nochmal, das hat schöne Erinnerungen geweckt…

    1. Avatar von miriamabroadblog

      Hallo, freut uns sehr, dass wir mit unserem Bericht schöne Erinnerungen wecken konnten!

      Wir haben uns schon ohne hüfthohen Schnee sehr geplagt – Respekt an euch!! 😀
      Die Hütte scheint sich seit damals nicht verändert zu haben, 20 Leute passen auch heute noch nur sehr eng rein würd ich sagen. 😀

      Liebe Grüße:-)

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