Der Cotopaxi – der zweithöchste Berg und Vulkan Ecuadors – sollte von uns natürlich nicht unbestiegen bleiben. Mit dem Bus ging es also von Ambato nach Latacunga, wo wir Josues Onkel trafen. Dieser hatte sich dazu bereiterklärt, uns in den Nationalpark Cotopaxi und zum Ausgangspunkt der Wanderung zu bringen. Wie nett dieses Angebot von ihm war haben wir spätestens bemerkt, als wir über eine Schotter-/Sandstraße (die mehr aus Schlaglöchern als aus Straße bestand) steil bergauf fuhren und es dabei auch noch sehr neblig war. Besonders spaßig war die Fahrt wohl für Sonja und Josue, die diese gemeinsam mit unseren Rucksäcken von der Ladefläche aus erlebten und ordentlich durchgerüttelt wurden.
Die Wanderung bis zum Refugio auf 4864 Metern dauerte vom Parkplatz aus nicht mehr allzu lang, hatte es aber wegen Wind, Regen und der dünnen Luft trotzdem in sich. Beim Refugio angekommen bestellten wir uns alle einen Cocatee zum Aufwärmen und gegen die Höhenkrankheit und aßen unsere mitgebrachten Brote mit Avocado. (Avocado schmeckt hier übrigens 5x besser als zu Hause – wir haben schon eine kleine Sucht entwickelt.)
Irgendwie reizte es uns, dass wir uns schon auf fast 5000m Höhe waren, weshalb wir beschlossen noch ein Stück vom Refugio weiterzugehen. Langsam kamen wir den 5000 immer näher, mussten aber schließlich bei 4970m aufgeben, da wir uns schon an einer Gletscherzunge befanden und es neben uns so weit in die Tiefe ging, dass es uns zu gefährlich wurde. Die 5000m heben wir uns für den Tungurahua auf, den wir in ein paar Tagen besteigen wollen. 😉

Josues Onkel, der während der Wanderung auf uns gewartet hatte, brachte uns wieder sicher nach unten bis nach Latacunga, wo wir die Nacht bei Josues Familie verbringen durften.
Josues Mama war anscheinend schon den ganzen Tag am Putzen und lief bei unserer Ankunft aufgeregt hin und her um zu checken, ob eh alles für uns vorbereitet war. Wir wollten eigentlich überhaupt keine Umstände machen, hatten aber schnell bemerkt, dass wir die unglaubliche Gastfreundschaft annehmen konnten, da alles andere die liebe Frau enttäuscht hätte.
Als Josues Mama Flo erblickte schlug sie die Hände zusammen und rief laut „Gigante!“ aus, bevor sie damit anfing sich Sorgen zu machen ob sie überhaupt ein Bett hatte in das er passte und ihn auf Spanisch mit Komplimenten über sein Aussehen überhäufte.
Josue erklärte sich dazu bereit uns Latacunga zu zeigen und so machten wir uns auf den Weg in die Innenstadt. Diese überzeugte uns nicht nur durch die kleinen Läden die wir abklapperten, sondern auch durch besonders schöne Parks, Kirchen und einen See, an dem wir die Abendstimmung genossen. Zurück ging es wie immer spontan: Durch das Hinstellen am Seitenrand der Straße und das Warten auf irgendetwas oder -jemanden, der uns ans Ziel bringt.




Zurück bei Josue zu Hause schlug dieser Pauli bei drei Runden Schach, sodass wir auf UNO umstiegen, das wir gemeinsam mit Josues Bruder mit ungewöhnlichen Regeln, die in Ecuador anscheinend so üblich sind, spielten. Oder die beiden Jungs wollten uns einfach ein bisschen ärgern, was ich auch nicht ganz ausschließen kann. 😄
Josues Mama und Sonja standen derweil in der Küche und bereiteten uns ein Festmahl vor: Reis, Fleisch, einen super leckeren Avocado-Salat sowie Platanos – meine neue Lieblingsspeise aus Kochbananen. Das Essen schmeckte unglaublich gut und beim Tratschen danach hatten wir großen Spaß und Sonja musste den ganzen Abend als Dolmetscherin hinhalten.


Am nächsten Tag erwartete uns beim Aufstehen schon wieder ein leckerer Geruch aus der Küche und wir wurden mit Käse- und Fleisch-Empanadas sowie frischem Ananassaft zum Frühstück begrüßt.

Nach der Stärkung war es auch schon wieder Zeit sich zu verabschieden und Josues Mama lud Flo und mich nicht nur ein Weihnachten mit ihrer Familie zu feiern, sondern beteuerte uns auch noch, wir könnten sie jederzeit anrufen wenn wir etwas brauchen und seien jederzeit herzlich willkommen. Wir waren wirklich berührt von dieser Gastfreundschaft!
Als hätte die Familie nicht schon genug für uns getan, brachte uns Josues anderer Bruder zur Bushaltestelle (Ok – eigentlich zum Autobahn-Straßenrand), von wo aus wir erneut in den Nationalpark Cotopaxi fuhren, dieses mal jedoch zu einem Bikepark. Für mich war es das erste mal Mountainbiken und ich muss zugeben, dass ich nach den ersten engen Kurven im Wald einen kleinen Nervenzusammenbruch hatte. Gott sei Dank fuhren wir aber ziemlich weit den Berg hinauf, sodass ich Zeit hatte mich ans Rad und die Umstände zu gewöhnen und so traute ich mich am Ende sogar die schwarzen Abfahrten hinunter. Das Springen und so manche Hindernisse überließ ich dann aber doch lieber Flo, der unglaublichen Spaß an den Abfahrten hatte.

Für die Rückfahrt stoppten wir klassisch wieder irgendwo am Autobahnrand den Bus und fuhren damit zurück nach Latacunga, wo wir Josue trafen.

Gemeinsam fuhren wir mit dem Bus nach Sigchos, wo Josues Schwester wohnt. Die Fahrt durch die Anden war landschaftlich wunderschön, ein wenig Angst bekommt man aber schon hin und wieder, wenn der Bus mit Vollgas in die Kurve fährt und davor einfach 7x hupt, um möglichen Gegenverkehr zu warnen.
Im Dunkeln kamen wir schließlich im kleinen Ort Sigchos an, wo uns Josues Schwester mit lauter regionalen Leckereien begrüßte, die sie schon auf ihrem Esstisch bereitgestellt hatte. Während wir diese vernaschten, kochte sie uns ein riesiges Abendessen, das wir nach dem anstrengenden Tag dankbar verschlangen. Gemeinsam saßen wir noch lange zusammen, tranken regionalen Blaubeerwein und tratschten. Dieses Mal brauchten wir Sonja nicht als Dolmetscherin, da Josues Schwester ein Auslandsjahr in der Schweiz hinter sich hat und deshalb Deutsch kann. Sie war genauso bemüht wie wir die gesamte Familie bisher wahrgenommen haben, ließ uns in ihrem Bett schlafen und schlief stattdessen auf einem Massagebett, das wir alle auch noch ausprobieren durften.


Als wir am nächsten Tag aufstanden stand Josues Schwester schon seit einer Stunde in der Küche und bereitete unser Frühstück vor. Während sie für uns kochte (und sich partout nicht helfen lassen wollte), unternahmen wir mit ihrem Hund Chocolate einen Spaziergang auf einen Hügel am Rande des Ortes, auf dem eine riesige Statue des Engels Gabriels steht.

Nach dem mehr als ausgiebigen und leckeren Frühstück stopften wir uns in einen Pickup, mit dem wir zur Laguna Quilotoa fuhren – ein beeindruckender Kratersee. Nachdem wir die Aussicht auf den See von oben genossen hatten, wanderten wir über einen Schotter-/Sandweg ganz nach unten, wo wir uns ein gemütliches Plätzchen suchten. Als wir den Rest des Obstsalates essen wollten den uns Josues Schwester eingepackt hatte, bemerkten wir, dass wir keine Löffel mit hatten – also mussten Bananenschalen und umgebautes Schilf als Besteck herhalten. Lange blieben wir auch nicht allein und einige Hunde versuchten an unserem Picknick teilzunehmen. Als es ihnen nicht gelang zogen sie wieder ab – außer ein kleiner schwarzer Hund, der uns bis zum Schluss Gesellschaft leistete.



Der Rückweg über den steilen und unbefestigten Weg war ziemlich anstrengend und wir alle spürten die letzten sehr ereignisreichen Tage in den Knochen. Umso mehr freuten wir uns, als wir wieder oben ankamen und die idyllische Rückfahrt über die Berge nach Latacunga genießen konnten.
