Der Plan: Mit den Snowboards per Bus für fünf Tage nach Sarajevo.

Dienstag, 21.02.2023

Voller Tatendrang machten Flo und ich uns am Faschingdienstag nachmittags auf den Weg zur Bim und kamen schon nach 5 min ordentlich ins Schwitzen – mussten wir doch unsere Snowboards sowie alle Utensilien für die Piste mit uns mitschleppen. Während wir in der Bim durch unser etwas verdächtig aussehendes Board-Paket (das durch die herumgewickelte Decke an wenig an eine eingepackte Leiche erinnerte) verwunderte bis argwöhnische Blicke ernteten, realisierte ich, dass wir unsere Snowboard-Boots, Helme und co auch in einen leichter zu transportierenden Koffer, statt in eine spärliche Sporttasche packen hätten können. Diese Fehlentscheidung würde uns noch ziemlich in Verhängnis kommen – das ahnten wir zu diesem Zeitpunkt jedoch Gott sei Dank noch nicht und so lachten wir noch über unser mangelndes Mitdenken.

Unser Busfahrer, der ausschließlich kroatisch sprach, erheiterte unsere Laune noch mehr, als er beim Losfahren aus Graz laut „Mir hobns mei Kabel gstulln. Mei schwoaze Kabelrulln.“ auf Radio Steiermark aufdrehte und sichtlich Gefallen an dem geistreichen Lied fand.

Nach ungefähr drei Stunden Fahrt kamen wir in Zagreb an, wo wir eineinhalb Stunden Wartezeit auf den nächsten Bus mit einem Abendessen, bestehend aus Thunfischweckerln und Schokoladenkrapfen, überbrückten. Der Bus, mit dem wir nun die ganze Nacht bis nach Sarajevo fahren wollten, konnte nicht gerade mit Schönheit oder Reinlichkeit punkten. Der vierte Sitz den wir ausprobierten war schließlich nicht kaputt und hatte weniger undefinierbare Flecken und so beschlossen wir, auf diesem zu bleiben. Während ich es mir eher wenig erfreut versuchte gemütlich zu machen, fand Flo dass unser Gefährt „ja eh voll schön“ war. Naja, er hatte dabei wohl Busse im Kopf, die er aus Indien kannte. 😀

Die acht Sunden Fahrt vergingen dann recht schnell und es gelang uns sogar gar nicht so wenig zu schlafen. Leider kamen wir jedoch eineinhalb Stunden zu früh in Sarajevo an und so standen wir, gerade aus dem Schlaf gerissen, ziemlich verloren um 4:15 Uhr am finsteren Bahnhof, der als solcher schwer zu erkennen war. Da wir kein Internet hatten, keine Busse zu fahren schienen und auch von Taxis keine Spur war, machten wir uns auf gut Glück mit unserem Gepäck zu Fuß auf den Weg Richtung Innenstadt. Durch das Tragen des jetzt schon ziemlich nervigen Gepäcks wurden wir wenigstens ein Problem los – die Kälte störte uns nicht mehr, da wir ohnehin ziemlich ins Schwitzen kamen.

Die Stadt war wie ausgestorben und alle Bäckereien die wir ansteuerten waren um diese Uhrzeit noch geschlossen. Die Rettung war nach 40 Minuten Fußmarsch schließlich eine Raiffeisenbank, in der wir Wärme sowie WLAN fanden und so eine Bäckerei in der Nähe ausfindig machen konnten, die um 6:30 Uhr aufsperrte. Pünktlich zum Aufsperren standen wir also wenig später vor besagter Bäckerei und freuten uns riesig auf einen warmen Tee und Frühstück. Gleich nach uns trudelten immer mehr Menschen ein und folgten alle demselben Muster: Ankommen, Zigarettenschachtel auf den Tisch legen, Jacke ausziehen, Kaffee bestellen und dann genüsslich eine Zigarette nach der anderen rauchen. Um die frühe Uhrzeit fand ich den Zigarettengeruch nicht ganz so angenehm aber wie sich auch in den folgenden Tagen herausstellte, gehört das Rauchen und Kaffee trinken in Bosnien einfach dazu.

Nach dem Frühstück spielten wir eine Runde UNO auf einer Bank am Fluss Miljacka, beobachteten dabei die Vorgänge auf der Straße (Bosnier fahren teilweise sehr spannend Auto) und erhielten dann die Hiobsbotschaft, dass wir unser Gepäck schon früher in unserer Unterkunft abladen durften.

Viel Gewicht leichter machten wir uns schließlich motiviert auf den Weg zum Hauptplatz der Stadt, wo wir einen Termin für eine Free Walking Tour gebucht hatten. Unser Führer Adis wartete auch schon auf uns und da wir die einzigen waren, die sich an diesem Tag für die Tour angemeldet hatten, hatten wir diesen ganz für uns. Rund zwei Stunden führte Adis uns durch große Straßen und kleine Gassen, zeigte uns die schönsten und interessantesten Plätze der Stadt und erzählte uns viel über die Geschichte Bosniens. Der Mix aus moderner und alter Architektur, die unübersehbaren Spuren des Krieges in Form von unzähligen Einschusslöchern an den Hausmauern und halbzerfallenen Ruinen mitten in der Stadt, sowie die tolerant gelebte Multireligiosität, die durch Moscheen, Kirchen und Synagogen, die fast zusammengehören zu schienen, sichtbar wird, zogen uns sofort in ihren Bann. Adis führte uns auch zu einem seiner Freunde, der uns zeigte, wie er aus alten Kriegsgegenständen wie beispielsweise Schusspatronen Gegenstände wie Schmuck, Lesezeichen und Kaffeetassen herstellt. Außerdem gab es noch ein paar Insidertipps, wo wir den besten traditionellen Kaffee trinken und das beste Essen bekommen würden – solange wir nur nicht Vegetarier wären. Naja 😀

Das mit dem Kaffee ließen wir uns jedoch nicht zweimal sagen und so saßen wir wenig später in einem Minicafé, um den bosnischen Kaffee zu probieren, der uns unglaublich gut schmeckte. Danach machten wir uns auf den Weg zu unserer Unterkunft um uns frisch zu machen und machten dabei den fatalen Fehler uns „kurz“ hinzulegen. Dabei wurde uns bewusst wie müde wir durch den langen Tag und die lange Busfahrt schon waren und beschlossen daher, den Tag mit einem Wrap-Essen, einer entspannten Badewanne und einem Fernsehabend gemütlich ausklingen zu lassen.

Mittwoch, 22.02.2023

Am Mittwoch hieß es für uns früh aufstehen, denn wir wollten auf die Piste. Gut gelaunt gingen wir in voller Ausrüstung mit unseren Boards unterm Arm los zur Bushaltestelle. Der erste Busfahrer deutete wild „No!“ als wir einsteigen wollten, bei den folgenden Bussen konnten wir nicht herausfinden wo sie ungefähr hinfuhren und als wir ein Ticket bei einer kleinen Trafik kaufen wollten, wollte uns die Frau aus irgendeinem Grund partout keines geben. Also blieb uns nichts anderes übrig, als unsere Boards wiedereinmal durch die halbe Stadt spazierenzutragen. Eine halbe Stunde später waren wir an der Haltestelle angekommen, an der laut Internet einmal täglich ein Bus ins Schigebiet fahren würde. Nach langer Wartezeit erreichten wir diese Firma telefonisch und erhielten die Nachricht (ohne weitere Erklärungen), der Bus würde heute doch nicht fahren. Mit Schihose und Helm bewaffnet ging es also enttäuscht wieder zu Fuß zurück zu unserem Apartment.

Da der Vormittag durch das Gehen und Warten schon fortgeschritten war, änderten wir unsere Pläne und machten uns auf zu einer Wanderung (ohne Boards!), auf einen der Berge, die die Stadt umgeben. Wir bereuten diese Entscheidung keinesfalls, denn je höher wir die steilen Straßen nach oben spazierten, desto mehr veränderte sich die Wohngegend. In den steilen Hügeln waren dicht an dicht Häuser gebaut (manche eher gebastelt) und auch nach den unglaublichsten Straßen fanden wir noch Autos – die teilweise aber sicher schon Jahre nicht mehr fuhren. Am letzten Haus des Berges trafen wir schließlich auf zwei alte Männer, die sich gerade auf einem Plastiksessel gegenseitig im Garten die Haare schnitten und sich sichtlich freuten uns zu sehen. Direkt hinter diesem Haus begann eine Art Alm und wir stiegen die schöne Landschaft immer höher hinauf, bis wir schließlich plötzlich vor drei verfallenen Gebäuden standen. Von diesen sogenannten „Lost Places“ also „vergessenen Orten“ gibt es in Bosnien wirklich viele. Es scheint so, als würden alle Gebäude die keinen Nutzen mehr haben einfach genau so wie sie sind stehengelassen werden.

Hinter den Ruinen befand sich ein kleiner Gipfel, den wir bestiegen und mit einem traumhaften Ausblick auf die Stadt belohnt wurden.

Weiter ging unsere Wanderung nun auf einer verlassenen Bob-Bahn, die ein Überbleibsel der Olymischen Winterspiele 1984 war. Wir gingen die gesamte Bahn bis ganz nach oben ab und konnten uns gar nicht an den coolen Graffitis satt sehen. Oben angekommen aßen wir Burek (definitiv meine Lieblingsspeise des Balkans) und machten uns dann wieder auf den Rückweg nach unten.

Den Abend ließen wir nach zwei erfolglosen Restaurantsuchen bei einem Italiener mit leckerer Pizza ausklingen.

Donnerstag, 23.02.2023

Der Donnerstag startete wieder mit dem verzweifelten Versuch, mit den Öffis zu fahren. Dieses mal jedoch zum Flughafen, denn aufgrund der Lage hatten wir beschlossen ein Auto zu mieten, um die Snowboards nicht ganz umsonst durch die Gegend geschleppt zu haben. Beim erneuten vergeblichen Warten auf den Bus erklärte uns ein Einheimischer, dass die Wartezeit zwischen 5 Minuten und einer Stunde dauern kann und man nie so genau wisse, ob der Bus dann wirklich dorthin fahrt, wo er eigentlich hinfahren sollte. Auf Umwegen und mit zweimal umsteigen gelangten wir dann aber tatsächlich noch mit dem Bus (fast) zum Flughafen und mussten dann „nur noch“ ungefähr eine halbe Stunde zu Fuß gehen.

Am Flughafen konnten wir zuerst den Schalter unserer Vermietungsfirma nirgens finden und als wir diesen endlich draußen vor dem Flughafengebäude entdeckten, war er nicht besetzt. Nachdem wir drei Nummern angerufen hatten, versprach uns schließlich jemand zu kommen und tatsächlich: Wenige Minuten später schlenderte eine Mitarbeiterin daher. Diese überbrachte uns die freudige Nachricht, dass unsere Reservierung storniert worden war, da wir zu spät waren (danke Bussystem). Die freundliche Frau trickste für uns jedoch noch irgendwas zusammen und so durften wir doch noch ein Auto haben, das gerade zurückgegeben wurde. Natürlich funktionierten dann drei Karten nicht, Flo hatte seine Karte in der Unterkunft vergessen und wir doktorten ewig herum, bis wir es schließlich doch noch schafften zu bezahlen und ENDLICH in unserem Mietauto saßen.

Mit dem Auto ging es dann ab ins ehemalige Olympia-Schigebiet Jahorina, wo wir wenig später auch schon auf der Piste standen. Fazit des Schitages: Bosnier können nicht Schifahren und noch weniger Snowboarden und tragen selten Helme, sind aber sehr freundlich und schenken einem in der Gondel auch mal Schokolade. Außerdem machen sie es mit alten Schiliften genau so wie mit alten Häusern – sie werden einfach so stehengelassen wie sie sind und so kann man richtig alte Liftsysteme bewundern.

Abends checkten wir einen neuen Stadtteil Sarajevos aus, den wir bisher noch nicht kannten: Ilidza. Dort gönnten wir uns – ausgehungert wie wir waren – ein großes Abendessen, bestehend aus Pizza, Risotto und gebackenem Käse, sowie Kaffee und Schwarztee zum Aufwachen.

Freitag, 25.02.2023

Am Freitag nutzten wir unser Auto noch aus, indem wir aus der Stadt hinaus Richtung Norden fuhren, wo wir eine Wanderung zum Skakavac Waterfall unternehmen wollten. Der Weg zum Ausgangspunkt der Wanderung führte über enge und steile Straßen den Berg hinauf, sodass wir schon bald eine tolle Aussicht auf die Stadt hatten.

Zwei Stunden ging die Wanderung in den steilen Wald hinein, wo außer uns kein Mensch zu sehen war. Immer wieder hörten wir undefinierbare Geräusche und redeten so lang darüber, wie ein Aufeinandertreffen mit einem Braunbären oder einem Wolf (welche beide zahlreich in diesem Wald vorhanden sind) wohl aussehen würde, bis ich ziemliche Angst bei jedem Knacken hatte. Abgelenkt wurden wir dann von einem riesigen Erdrutsch, durch den Geröll unseren Wanderweg überschüttete. Nach einiger Überredungskunst von Flo überquerten wir schließlich diese Hürde und wurden wenig später mit dem unglaublich schönen und hohen Wasserfall belohnt.

Den Nachmittag verbrachten wir im Süden der Stadt, wo wir eine Höhenstraße fuhren und an ein paar Lost Places stoppten. Darunter war ein riesiges Hotel sowie eine Schisprungschanze, neben der tatsächlich noch manchmal ein kleiner, alter Lift fährt.

Unseren letzten Abend ließen wir mit Schlendern durch die belebten Straßen und einem Essen im einzigen vegetarischen Restaurant Sarajevos ausklingen und gönnten uns zur Nachspeise noch Baklava und Tufahija, was man beides unbedingt gekostet haben muss, wenn man gerne Süßes mag.

Samstag, 26.02.2023

Man glaubt es kaum – ein letztes mal versuchten wir unser Glück mit den Bussen, was darin endete, dass wir um 5:00 Uhr morgens im strömenden Regen vergeblich an der Bushaltestelle standen und schließlich aufgaben und ein Taxi riefen. Um 6:00 Uhr fuhr unser Bus zurück nach Österreich ab und hielt die große Überraschung einer kaputten Heizung parat. Mit jeglichem Kleidungsstück das wir dabeihatten + Schiausrüstung saßen wir also frierend da und fragten uns, wie wir die nächsten neun Stunden überleben sollten. Mittlerweile hatte es draußen angefangen zu schneien und die Frontscheibe des Buses war von innen komplett angefroren, sodass ich mir nicht sicher war, ob der Busfahrer noch die Straße erkennen konnte. Dieser sagte immer wieder etwas auf Bosnisch durch, das wir natürlich nicht verstanden. Schließlich erbarmte sich eine slowenische Frau und erklärte uns, dass wir einen neuen Bus erhalten würden. Noch nie habe ich mich so über eine Busheizung gefreut! Der Rest der Fahrt ging durch den Schneefall und langen Wartezeiten an der Grenze leider nur schleppend voran, sodass wir schließlich erst nach 12 Stunden völlig geschafft in Graz ankamen.

Mit Bussen hatten wir in diesen Tagen eher weniger Glück – dafür war unser Kurzurlaub aber sehr vielseitig und bot viele schöne Erlebnisse und wir haben uns richtig in Bosnien und Sarajevo verliebt. Wir werden bestimmt wiederkommen!


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