Südamerika

Wenn man für 7 Monate nach Südamerika möchte und sein Pass am Tag vor dem Abflug noch immer nicht angekommen ist, bekommt man es langsam mit der Angst zu tun. Es hätte so stressfrei sein können – die Rucksäcke waren fertig gepackt und alle großen und kleinen Vorbereitungen abgeschlossen – nur mein auf sich warten lassender Reisepass schaffte für Aufregung. Dank viel Herumtelefoniererei meines Papas konnte ich am Tag unserer Abreise gleich nach dem Aufwachen zum Verteilerzentrum der Post fahren, um meinen Reisepass dort abzuholen. Wie groß meine Erleichterung an diesem Morgen war, muss ich wahrscheinlich nicht dazusagen.

Da ich schließlich doch im Besitz eines gültigen Passes war und Flo und ich die Dschungelprüfung meiner Geschwister erfolgreich absolviert hatten, stand unserer Reise nichts mehr im Weg.

Als Low-Budget-Reisende hatten wir in den nächsten zwei Tagen vier Flüge vor uns. Nach einer wenig erholsamen Nacht am taghellen Flughafen in Istanbul, an dem alle Geschäfte 24 Stunden Betrieb haben, stiegen wir in den Flieger nach Kolumbien, in dem wir uns mit unserem türkischen Sitznachbarn anfreundeten, der ähnlich reiselustig wie wir unterwegs ist. Unsere neue Freundschaft wurde durch extreme Turbulenzen während des Fluges gestärkt, die ich in einem solchen Ausmaß bisher noch nie erlebt habe. Die gemeinsame Erleichterung darüber, das Gewitter gut überstanden zu haben, machte auch wieder gut, dass wir davor unseren Freund aus Klogründen aus dem Tiefschlaf reißen mussten.

Kaum in Bogotá angekommen mussten wir feststellen, dass es wirklich stimmt: Mit Englisch haben wir in Südamerika keine Chance. Zwei Flughafenmitarbeiterinnen konnten sich vor Kichern gar nicht mehr einkriegen, als Flo sie etwas in Englisch fragte und ihr Kollege dann mit ein paar englischen Wortfetzen versuchte uns zu helfen. Von den drei Flügen und der Nacht am Flughafen in Istanbul waren wir mittlerweile ziemlich fertig und ich hatte große Probleme damit meine Augen offen zu halten. Als um 23:10 Uhr endlich unser letzter Flug startete, bekam ich nicht einmal mehr die Sicherheitseinführung mit, so schnell war ich eingeschlafen.

Um 1:00 Uhr nachts kamen wir schließlich in Guayaquil in Ecuador an, wo uns hinter der Flughafentür eine feuchte Hitze erwartete. Unser „Shuttle“ (ein lustiger Ecuadorianer in einem kleinen, alten Auto) holte uns ab und brachte uns zu unserem Hotel, dessen Bett wir schon sehr herbeisehnten.

Nach dem Auschecken ließen wir uns vom „Shuttle“ zum Busbahnhof bringen, wo unserer Fahrer uns einfach ganz ungeniert bis vor die Haustür brachte, obwohl dort eigentlich nur Busse fahren durften. Lässig fuhr er an einem Polizisten vorbei mit den Worten: „When I don‘t see them, they don‘t see me.“ 😂

Den Busbahnhof, der gleichzeitig auch ein Einkaufszentrum darstellte, nutzten wir um uns Kaffee und Empanadas zum Frühstück zu holen, eine SIM-Karte zu kaufen und dann auf drei Stockwerken den richtigen Bus zu finden. Dabei führte die Tatsache, dass der Ort in den wir wollten „Baños“ hieß, was gleichzeitig auch „Badezimmer“ bzw. „Klo“ bedeutet, zu einer kleinen Verwirrung. Wir wurden ständig zum Klo geführt, bis eine Frau schließlich unser Anliegen verstand und uns lachend den richtigen Bus zeigte.

Die Busfahrt war ein richtiges Highlight, da ich mich an den Landschaften an denen wir sechs Stunden lang vorbeifuhren nicht sattsehen konnte und da ich außerdem ein paar interessante Beobachtungen machte:

⁃ Verkehrsinseln sind variabel einsetzbar: Als Bühne, Verkaufsfläche, Weide für Kühe inklusive Cowboy

⁃ Das Fahren mit offener Bustür erleichtert das Ein- und Aussteigen ohne Stehenbleiben zu müssen

⁃ Für kurze Stopps um Straßenhunde zu füttern ist allerdings immer genug Zeit

⁃ Das gemeinsame Filmschauen im Bus stärkt das Gemeinschaftsgefühl der Passagiere

⁃ Keine Straße kann nicht mit Bus befahren werden

⁃ Neben Getränken, Obst, Warmspeisen und Süßigkeiten kann auch Medizin wunderbar vom Busgang aus verkauft werden

Als wir abends schließlich in Baños ankamen, checkten wir erstmal im Hostel ein, wo ich durch unsere fehlenden Spanischkenntnisse fast versehentlich 9 weitere Nächte buchte, obwohl ich eigentlich erklären wollte, dass wir ca. um 9:00 Uhr wieder auschecken werden. Wir sollten uns wirklich dringend um unser Spanisch kümmern!

Nach der unendlich langen Anreise gönnten wir uns das erste warme Essen seit Tagen: Mexikanische Burritos und Tacos, sowie unser erstes Cerveza (Bier) in Südamerika. (Das uns sehr gut schmeckte!)

Am nächsten Tag wachten wir sehr aufgeregt und voller Vorfreude auf, da wir Sonja treffen wollten, die seit einem Jahr ein Volontariat in Ecuador macht. Wenig später war es auch schon soweit und wir konnten Sonja endlich wieder in die Arme schließen, was ein wirklich schöner Moment war!

Da wir nun einen Ecuador-Profi hatten, begaben wir uns gleich ins nächste traditionelle Restaurant, wo wir ein typisch ecuadorianisches Frühstück, bestehend aus Kochbananen und Eierspeise, zu uns nahmen. Obwohl Sonni die Speise ausdrücklich ohne Fleisch bestellte, fanden wir ein kleines Stück davon auf unseren Tellern. Kann ja auch nicht sein dass wir diesen Wunsch nach einer vegetarischen Speise ernst gemeint haben!

Nach dem Frühstück setzten wir uns wieder in den Bus, um weiter in das Oriente nach Puyo zu fahren, von wo aus wir ca. 3 km in der Hitze mit unseren schweren Rucksäcken in den Dschungel gingen. Dort hatte ein Freund von Sonja eine Unterkunft gebucht, deren Name leider niemand genau wusste. Irgendwie fanden wir trotzdem hin, wurden von einer alten Dame freundlich begrüßt und durften uns ein Zimmer in dem komplett aus Bambus, Holz und Wellblech gebauten Haus aussuchen.

Die nächsten zwei Tage verbrachten wir in dieser Unterkunft mit Pool und Sauna, umgeben von Natur, Vogelgesängen und indigenen Siedlungen und konnten langsam ein wenig in diesem wunderschönen Land ankommen, das wir die nächsten Wochen erkunden dürfen. Die Frau und ihr Sohn behandelten uns als einzige Übernachtungsgäste unglaublich gastfreundlich, kochten traditionelle Gerichte für uns, zeigten uns Pflanzen aus denen sie Säfte herstellen und Plätze im Dschungel, die wir besuchen durften.

Wir hätten nicht erwartet, dass wir uns von Anfang an so wohl in Ecuador fühlen und von allen Menschen so offen und freundlich behandelt werden – obwohl wir sie ständig einfach nur hilflos anstarren, weil wir wiedereinmal nichts verstehen. Wir sind unglaublich dankbar hier sein zu dürfen und freuen uns auf alles, was wir erleben werden! 😌


7 Kommentare zu „Direkt in den Dschungel 🌴“

  1. Avatar von Waltraud Donnerer
    Waltraud Donnerer

    Gesendet von Outlook für Androidhttps://aka.ms/AAb9ysg

  2. Avatar von Waltraud Donnerer
    Waltraud Donnerer

    Freut mich, dass ihr gut angekommen seid und dass ihr euch von Anfang an wohlfühlen könnt.
    Großes DANKE für den Blog!!!

    1. Avatar von miriamabroadblog

      Danke fürs Lesen! 😘

  3. Avatar von Nina Zorn
    Nina Zorn

    Hey Miriam!
    Danke, dass du uns auf diesem Weg an eurer Reise teilnehmen lässt und wir so immer wissen, dass es euch gut geht.😍
    Bussi aus Österreich

    1. Avatar von miriamabroadblog

      Wir freuen uns sehr, wenn ihr uns auf diesem Weg ein wenig begleitet! 🥰
      Bussi nach Österreich

  4. Avatar von Bernhard Schreiner
    Bernhard Schreiner

    Liebe Frau Ulz! Vielen Dank für diesen tollen blog👍 eine weiterhin spannende und erlebnisreiche Reise wünscht Liselotte Schreiner (1b) mit Eltern🤗

    1. Avatar von miriamabroadblog

      Vielen Dank, freut mich sehr dass ihr mitlest! Liebe Grüße an Liselotte! ☺️

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Miriam abroad

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen