Wer den letzten Blogpost über unsere Wanderung auf den Tungurahua gelesen hat kann sich vielleicht ungefähr vorstellen wie sich unsere Beine am Abend danach angefühlt haben und wie sehr wir uns auf eine Dusche und ein Bett freuten. Umso schlimmer was das Gefühl, als wir nach der Busfahrt nach Puyo dort in unser Hostel einchecken wollten und realisierten, dass dieses nicht zu existieren schien. Wir standen mit unserem gesamten Gepäck in einer ausgestorbenen Wohnstraße in der Hitze, wurden von ungefähr 20 Hunden angebellt und waren ratlos. Als nach einiger Zeit ein Anrainer vorbeikam fragten wir diesen nach Rat und erhielten hilfsbereit Unterstützung bei der Suche nach dem Hostel. Leider blieb diese trotzdem vergeblich. Plötzlich kam die Frau unseres Helfers mit umgebundenem Baby und sechs Bananen in der Hand heraus, mit denen sie uns etwas Trost spenden wollte. Diese Geste schenkte uns solche Freude, dass wir uns aufraffen und auf den Weg zum nächsten Hotel machen konnten, wo wir problemlos eincheckten und uns in die Zimmern begaben. Marion, Paul, Flo und ich teilten uns ein Viererzimmer und erklärten den Einbauschrank zum „Kasten des Grauens“, nachdem wir unsere Wanderschuhe so schnell wir konnten ausgezogen, in den Kasten geschmissen und dessen Tür verschlossen hatten. Gemeinsam beschlossen wir den Kasten nur noch in Notfällen zu öffnen – unseres Wohlbefindens zuliebe.
Nach einer wohltuenden Dusche zogen wir gemeinsam noch durch die belebte Stadt, in denen man von Matratzen über Unterhosen bis hin zu Badewannen alles auf der Straße kaufen kann und gönnten uns ein leckeres Abendessen.
Am nächsten Tag fuhren wir nach dem Frühstück nach Mirador Indichuris, wo wir in Hängematten liegend einen wunderschönen Ausblick auf einen Fluss genossen, Eis schleckten und anderen Leuten bei ihren Fotoshootings zuschauten. Ein Mann legte sich in die Hängematte neben mich und bat mich für ein Selfie mit ihm zu posieren, da er dieses unbedingt „seinen Fans“ zeigen wollte. Dass wir durch unsere Haut-, Haar- und Augenfarbe eine Attraktion darstellen ist für mich oft noch sehr ungewohnt.




Neben den Hängematten und der Aussicht hielt der idyllische Ort im Oriente auch noch eine Riesenschaukel parat, die wir natürlich begeistert ausprobierten, bevor wir uns noch eine kleine Ausstellung mit toten Anakondas und Kaiman-Schädeln anschauten und uns anschließend in ein Outdoor-Restaurant setzten, um zu essen. Während zwei Frauen unser Essen in der Küche vorbereiteten, kamen immer wieder mal Hühner und Hunde vorbei und auch ein kleines Äffchen hüpfte aufgeregt herum. Dieses fand Gefallen an Flo, dem es sich vorsichtig immer weiter näherte. Am Beginn legte der Affe seinen Kopf von hinten vorsichtig auf Flos Schulter, dann lehnte er sich immer fester gegen seinen Oberschenkel und am Ende lag er auf dem Rücken auf Flos Schoß und protestierte lautstark wenn dieser aufhörte ihn zu streicheln. Zwischendurch war der Affe auch so nett und entlauste professionell Flos Arme, wobei ihm sein Tattoo am Unterarm zu stören schien, das sich einfach nicht abkratzen ließ. Das Äffchen war wohl so entspannt dass es zu spät bemerkte dass es noch auf Flo saß, als es sich plötzlich erleichterte. Der frisch entlauste Flo war zwar wenig begeistert von dieser Aktion, sah es seinem Freund dann aber doch nach, als dieser ihn schuldbewusst und mit großen Augen anstarrte.
Nach dem Tag in den Tropen setzten wir uns in den Nachtbus, der uns in das kleine Dorf Ayampe an der Küste brachte. Ayampe besteht nur aus wenigen gemütlichen Strandhäusern, ein paar Restaurants sowie Surfschulen und verfügt nur über Schotterstraßen, womit es den perfekten Platz für uns zum Entspannen darstellte. Wir verbrachten zwei gemütliche Tage mit Spielen, Kochen, Essen, Surfen und Baden im Meer und hatten das Glück, zwei unglaubliche Sonnenuntergänge miterleben zu dürfen. Ich trank außerdem meine erste frische Kokosnuss am Strand und wir aßen Bananen in so vielen unterschiedlichen Variationen, dass wir eine ziemliche Überdosis hatten. Außerdem veranstalteten wir einen Cocktailabend mit improvisierten, selbst gemixten Piña Coladas aus Melonenwodka und Joghurtdrink und erfreuten uns an den Pelikanen, die von unten wie Flugsaurier aussahen.





Auf der Heimfahrt hatten wir ein paar Stunden Wartezeit in der Küstenstadt Olon, wo wir um 2,50$ am Strand eine Shrimpssuppe, gebackene Shrimps mit Kochbananen, Reis und Salat sowie frischen Obstsaft genossen. Flo hätte am liebsten noch einen ganzen Teller gebackener Shrimps nachbestellt, ließ es dann aber auch Preisgründen doch bleiben.
Ein Fast-Nachtbus brachte uns nach neun Stunden Fahrt in die Kolonialstadt Cuenca, die uns sehr überraschte, da sie sehr europäisch schien. Zu Fuß erkundeten wir die Stadt, probierten in einem Markt neues Essen aus, besuchten die neue Kathedrale (von deren Dach aus wir einen tollen Überblick auf die Stadt hatten), schlenderten die Flusspromenade entlang, aßen viel zu viel Süßes das auf der Straße verkauft wurde und besuchten ein Museum über die indigenen Völker Ecuadors.







Flo ließ außerdem eine traditionelle „Limpia“ durchführen, bei der er zur Reinigung von einer Frau mit Kräutern geschlagen, mit einem Ei eingerieben und mit Duften besprüht wurde. Am Ende schlug die Frau das Ei in einem Plastiksackerl auf und fing an davon abzulesen, welche negativen Dinge sich nun im Ei und nicht mehr in Flo befanden. Bei ihm konnte sie Stress und Wut im Ei entdecken, was ich beides noch nie an Flo erlebt habe aber jetzt ists wenigstens ganz sicher weg. 😃
Der letzte Stopp vor unserer Rückreise nach Ambato war der Nationalpark Cajas auf fast 4000 Metern Seehöhe, wo ich mich sehr nach Norwegen zurückversetzt fühlte. Das Wetter, die Wege sowie die Landschaft erinnerten mich sehr an das für mich so besondere Land, wodurch ich mich sofort pudelwohl fühlte, während die anderen eher weniger vom kalten und nassen Wetter begeistert waren. Trotzdem unternahmen wir eine kleine Wanderung um einen See und erfreuten uns an der tollen Flora und Fauna.




Zurück in Ambato verbrachten wir Sonjas letzten Tage in der Stadt damit uns ständig zu überessen, weil wir alles probieren wollten, was sie das Jahr über gerne gegessen hatte. Dabei waren wir besonders begeistert von der traditionellen Fischsuppe Encebollado (die sich anscheinend weltweit über große Bekanntheit erfreut), Quimbolito (einem Kuchen im Bananenblatt), Llampingacho (einer Spezialität aus Ambato) sowie den unglaublich leckeren Jugos (Obstsäften). Nach diesen Jugos, die eine liebe alte Frau verkaufte, wurden wir nach dem ersten Schluck zu süchtig, dass wir an jedem Tag mindestens einen davon tranken.



Weniger beeindruckte uns das Eis mit Käse – Flo beschrieb das kulinarische Erlebnis als geschmacksverwirrend, was man an seinem Gesichtsausdruck kurz nach dem ersten Schlecker auch relativ gut ablesen kann:

Sonja zeigte uns außerdem die Fundacion, in der sie in diesem Jahr gearbeitet hatte, den Botanischen Garten, einen Aussichtsturm, zu dem man praktischerweise mit Rolltreppen fahren kann, sowie die großen Märkte Ambatos.






Auch Paulina (Sonjas Mitvoluntärin) kam mit ihren drei Geschwistern und ihren Eltern für ihre letzten Tage in Ecuador nochmal nach Ambato. Auf Anhieb verstanden wir uns blendend mit der Familie uns so entstanden gemütliche Abende gemeinsam mit Trinkspielen in der WG oder beim gemeinsamen Chifa-Abendessen. Außerdem wurde die WG zum Matratzenlager, um alle unterzubringen.
Nicht zu vergessen ist, dass wir uns an unseren ersten selbstgemachten Patacones versuchten, die uns super gelangen.

Zwei Tage vor Sonjas Abreise mussten wir uns von Pauli und Marion verabschieden, die sich auf den Weg nach Quito machten, von wo aus sie ihren Heimflug antraten. Zum Abschied gab es – natürlich – Jugos.
Flo, der nur Wanderschuhe eingepackt hatte um sich „billigere Freizeitschuhe“ in Ecuador zuzulegen, fing langsam an diese Entscheidung zu bereuen und sich nach Auszeit für seine Füße zu sehnen. Aus diesem Grund beschlossen wir die Märkte Ambatos nach Schuhen für ihn abzuklappern. Es stellte sich heraus, dass man alles kaufen kann, solange es keine Schuhe in der Größe 46 sind. Wir fragten uns gewissenhaft durch alle Schuhverkäuferdie wir finden konnten, ernteten aber nur ungläubiges Gelächter und mitleidige Blicke auf Flos Füße. Auf einen Geheimtipp hin machten wir uns schließlich auf den Weg zu einem unterirdischen Markt, der aus unüberblickbar vielen Gassen voller Schuhe bestand und konnten dort, nachdem wir von Stand zu Stand geschickt wurden, tatsächlich zwei Paar 46er finden! Leider erfüllten diese beide nicht den Zweck eines leichten Freizeitschuhs, weshalb wir die Suche schließlich erfolglos aufgeben mussten. Josue war am Ende seiner Kräfte und hatte zum ersten mal auf dieser Reise wirklich keine Idee mehr, wie er uns in diesem Fall noch weiterhelfen sollte. Naja – vielleicht haben Menschen in Kolumbien ja größere Füße und wir haben dort mehr Glück. 😉

Am Freitag beschlossen wir, gemeinsam mit Paulina und ihren Geschwistern den Stammclub Der Mädels zu besuchen. In diesen kommt man eigentlich nur mit schicker Kleidung, glücklicherweise wurde Flo aber dank des Gringo-Bonus‘ mit seinen Wanderschuhen hineingelassen. Das Feiern machte großen Spaß und mich beeindruckte sehr, dass nicht nur alle Besucher durchgehend wie wild tanzten, sondern auch fast ausschließlich alle Lieder spanisch waren und von der ganzen Menge mitgesungen wurde. Die Lebensfreude und Energie der Menschen steckte uns sofort an und so wurde stundenlang getanzt. Uns machte der Abend so großen Spaß, dass wir den Club am nächsten Tag gleich nochmal besuchten. Als weiße Gruppe waren wir die Hauptattraktion auf der Tanzfläche und zur Sperrstunde gab es im gesamten Club wohl niemanden mehr der noch kein Foto oder Video mit uns gemacht hatte.
Für uns war es toll zu sehen und und wie Sonja das letzte Jahr über gelebt hat und einige ihrer Freunde kennenzulernen. Wir können echt verstehen dass sie sich so wohl gefühlt hat!
