Meine Aussicht hinter dem iPad auf dem ich diesen Blogeintrag schreibe ist Flo, der am See steht und mit seiner selbstgebauten Angel fischt. Wo ich sitze? IN UNSEREM VAN! Ich kann es selbst noch nicht ganz fassen aber Flo und ich haben uns vor einer Woche einen kleinen Bus gekauft, innerhalb von zwei Tagen ausgebaut und haben nun die erste Nacht in unserem neuen Zuhause hinter uns. Vor gut zwei Monaten haben Flo und ich in Österreich noch öfters darüber gesprochen, dass sich auf unserer Reise eventuell etwas ergibt und wir uns ein Auto kaufen könnten – so richtig konnte ich mir das allerdings nicht vorstellen. Der Gedanke an die theoretische Möglichkeit eines Autokaufs war eher ein Trost dafür, dass unser ursprünglicher Plan – einen Bus aus Österreich nach Südamerika zu verschiffen – leider nicht funktioniert hatte. Aber auf einem uns völlig unbekanntem Kontinent ein Auto zu kaufen und dann auch noch auszubauen? Wie soll das denn funktionieren?! Naja – zum Glück habe ich einen sehr kreativen Träumerfreund, für den nichts unmöglich scheint. ☺️
Fast zwei Monate waren wir mit unseren Rucksäcken unterwegs und haben auch diese Art zu reisen sehr genossen. Immer wieder ertappten wir uns allerdings dabei, wie wir davon träumten nach Lust und Laune anhalten zu können und aus dem Bus auszusteigen und an abgelegene Orte zu fahren. Auch nach Städten hatten wir meistens schon nach einem Tag genug und wir merkten richtig, wie viel besser es uns an Orten geht, an denen wir von Natur umgeben sind. Mit den öffentlichen Bussen kamen wir super von Stadt zu Stadt und auch kleine Orte waren meist sehr unkompliziert zu erreichen. Unsere Versuche in unbekanntere Nationalparks, zu verlassenen Wasserfällen oder weniger touristischen Seen zu gelangen, stellten sich jedoch häufig als eher kompliziert oder teuer heraus und so träumten wir immer öfter davon, die Flexibilität eines eigenen Autos zu haben. Als wir dann immer wieder auch andere Reisende mit eigenem Auto trafen und diese uns von ihren Erfahrungen erzählten, war uns klar: Wir müssen es zumindest versuchen, uns ein Auto zuzulegen, diese Sehnsucht würde uns nämlich nicht loslassen. Kurzerhand beschlossen wir das Projekt „Auto“ in der Großstadt Medellin aktiv anzugehen.
Flo, der ohnehin schon seit Wochen regelmäßig zu verkaufende Autos im Internet checkte, suchte einige für uns budgetmäßig in Frage kommende Exemplare heraus und schon an unserem ersten Tag in Medellin hatten wir einen Termin mit einem Verkäufer eines Minivans vereinbart. Der Verkäufer war nicht viel älter als wir und war uns auf Anhieb sympathisch. Er fuhr uns in die Tiefgarage seiner Wohnung, wo der Van stand, den er seit vier Jahren privat und für seine Firma – eine Werkstatt – benützte. Der Verkäufer – Jorge – sprach bruchstückhaft Englisch, genauso wie wir Spanisch, und so war die Kommunikation leider ein wenig schwierig. Da kam mir die Idee, Flos Schwester Sonja als Übersetzerin anzufragen und als diese sofort einverstanden war uns zu helfen, wurde Flos Handy hin und her gereicht und Sonja gab als Dolmetscherin ihr Bestes. Das half wirklich ungemein und so machten wir uns später mit einem guten Gefühl wieder auf den Rückweg. Nachdem wir am Abend alle Vor- und Nachteile des Autos abgewogen hatten war uns eigentlich schnell klar: Wir wollen den Van kaufen.
Wir hatten uns im Vorhinein darüber informiert, welche Formalitäten für einen Autokauf in Kolumbien notwendig sind: Überprüfen ob das Auto gestohlen ist, überprüfen von möglichen Strafen (die man mit dem Auto mitkauft), herausfinden ob man ein „Pickerl“ erhält, anfragen der Pflichtversicherung, usw. Da Jorge seine eigene Werkstatt besitzt, fielen viele der Notwendigkeiten weg: Er konnte uns einen kompletten Bericht über das Auto und all seine Reparaturen von seinem ersten Besitzer weg geben, hatte einen neuen Werkstattbericht darüber, dass alles in Ordnung ist und sogar die Versicherung und das Pickerl sind noch bis Juli im nächsten Jahr gültig. Außerdem durften wir bei unserem zweiten Besuch in der Werkstatt den Unterboden, die Bremsen und alle anderen relevanten Teile des Autos inspizieren und eine Probefahrt machen. Diese empfand ich als für meine Nerven sehr herausfordernd, Flo fand sie lustig. Wir stürzten uns in den wilden Verkehr Medellins, Flo hatte sichtlich Spaß daran, den Minivan durch die Straßen zu lenken und berührte dabei tatsächlich kein anderes Auto, keinen Bus, kein Motorrad, kein Fahrrad und auch keinen Fußgänger, was mich wirklich sehr beeindruckte.
Als wir nach der Probefahrt mit unseren Verhandlungen starten wollten, kam eine böse Überraschung: Zwei weitere Interessenten waren eingetroffen und wollten den Minivan, der im Geiste schon unserer war, probefahren. Aufgeregt saßen wir im Warteraum der Werkstatt und warteten auf die Rückkehr von Jorge, während wir überlegten, wie wir in dieser Situation trotzdem noch preislich verhandeln können, ohne dass Jorge den Van an jemand anderen verkauft. Als dieser schließlich zurückkam breiteten wir ihm unseren Preisvorschlag auf und mir rutschte fast das Herz in die Hose als er anfing zu zögern. Schließlich sagte uns Jorge, dass er eigentlich unbedingt uns das Auto verkaufen möchte, weil er unser Vorhaben cool findet und so konnten wir uns schnell einigen und den beiden anderen potenziellen Käufern wurde abgesagt.
Nun begann das lange Warten: Für die Ummeldung des Autos musste sich Flo im kolumbianischen Verkehrssystem registrieren, was ein lustiges Unterfangen war, da wir von Schalter zu Schalter und wieder zurück geschickt wurden, bis die Anmeldung schließlich erfolgreich war.
Einen Tag später trafen wir uns wieder mit Jorge, um den Kaufvertrag zu unterschreiben, den er zum Amt schicken musste, um einen Termin für die Ummeldung zu erhalten.
In der Zwischenzeit versuchten wir den besten Weg für die Zahlung herauszufinden. Leider verschlechterte sich der Wechselkurs jeden Tag, womit die Zahlung der mehreren Millionen kolumbianischen Pesos uns teurer kam, als es uns zwei Wochen davor gekommen wäre. Auf den nervenaufreibenden Prozess der Zahlung gehe ich jetzt lieber nicht ein, wichtig ist, dass es nach mehreren Tagen schließlich funktioniert hatte und wir nur mehr darauf warten mussten, dass das Amt Flos Namen richtig eintrug. Beim ersten Versuch hatten sie nämlich geglaubt Friedl sei sein Vorname, da dieser beim Reisepass ganz oben steht. Außerdem suchten sie verzweifelt nach seinem zweiten Nachnamen, den Flo aber nicht hat.
Die Freude war riesig, als wir unseren Bus endlich abholen durften! Sofort fuhren wir zum Baumarkt, wo wir uns das Holz zuschneiden ließen, das wir laut unseres am iPad gezeichneten Plans für den Bau eines Bettes sowie eines kleinen Regals brauchten.
Die Nächte verbrachten wir in einem Airbnb eines lustigen Kolumbianers in unserem Alter, der uns nicht nur seine Einfahrt, sondern auch seine Bohrmaschine, Hammer, Maßband und alle möglichen anderen Tools bereitstellte, die wir für den Ausbau unseres Vans brauchten. Nur eine Säge hatte er leider nicht, mit unserem Glück kam aber nach den ersten Stunden des Ausbaus ein neugieriger Nachbar vorbei, der uns nicht nur Holz zur Verfügung stellte, sondern auch eine Hand- sowie eine elektrische Säge. Unser zweitägiger Ausbau lockte im Laufe der Zeit die gesamte Nachbarschaft an und uns wurden neben Holz auch Sonnencreme und Pflanzen (warum auch immer) angeboten, viele Komplimente gemacht, Fragen gestellt und einige Spaziergänger kamen zufälligerweise mehrmals sehr langsam vorbei und starrten ins Auto. Unser Gastgeber meinte, dass er einige Nachbarn durch uns zum ersten mal gesehen hatte. Wir hatten jedenfalls großen Spaß am Werken und noch größere Freude am Endergebnis, mit dem wir wirklich sehr zufrieden waren.
Insgesamt verbrachten wir 1,5 Wochen in Medellin und wenn wir unsere Zeit gerade nicht in Werkstätten oder Baumärkten verbrachten, schauten wir uns auch die Stadt ein wenig an. So besuchten wir zum Beispiel das Stadtviertel „Comuna 13“, welches früher als eines der gefährlichsten Medellins galt und heute von zahlreichen Touristen besucht wird, da es voller beeindruckender Streetart ist. Das Stadtviertel zog uns mit der lauten Musik, den tanzenden Menschen, den bunten Wandmalereien und Graffitis sowie der Handwerkskunst und des Streetfoods sofort in den Bann und wir wussten gar nicht wo wir hinschauen sollten, als wir durch die engen Gassen schlenderten.





Einen Tag nach unserem Ausflug ins Comuna 13 besuchten wir das Memory Museum, wo wir viel über die Geschichte dieses Stadtviertels, der Stadt Medellin un des Landes an sich erfuhren, die von Gewalt und Leid gezeichnet ist. Besonders bedrückend fanden wir, dass viele der Geschichten die im Museum erzählt wurden noch nicht lange zurückliegen und dass das Land auch heute noch sehr mit Problemen wie paramilitärischen Aktivitäten oder Drogenkartellen zu kämpfen hat. Allerdings passierte in den letzten Jahren auch viel Positives und man hat das Gefühl, das Land entwickelt sich gerade sehr schnell. Die Stadt Medellin zum Beispiel scheint als sehr interkulturelle und moderne Stadt, wovon zum Beispiel das gut ausgebaute Metro-System zeugt. Dieses nutzten wir sehr gerne, auch wenn wir uns zu Stoßzeiten ziemlich in die überfüllten Wägen zwängen mussten.

Eher zufällig landeten wir einmal in einer Gondel, die hier zum Öffi-System dazugehören, um die Rand-Stadtteile auf den Hügeln erreichen zu können. Wir fuhren eine Runde mit der Gondel und genossen dabei den Überblick auf die Großstadt.


Am Wochenende gönnten wir uns einen Ruhetag im riesigen Botanischen Garten der Stadt, wo wir durch die bunte Pflanzenwelt schlenderten und uns eine gemütliche Bank am See suchten, von der aus wir mit meinen Eltern telefonierten. Während des Telefonats entschloss sich plötzlich ein riesiger Leguan von seinem Baum zu klettern und so konnte ich diesen meinen Eltern live per Videotelefonat zeigen. Es machte Spaß das Tier zu beobachten, das keinerlei Angst vor Menschen zu haben schien und versuchte an meinen Schuhen zu knapperen. Neben einigen Leguanen fanden wir im Park auch bunte Papageien, die ich zum ersten mal in freier Wildbahn sah, weshalb ich mich sehr über die Beobachtung freute.

Natürlich schauten wir uns auch die Innenstadt Medellins an, in der wir uns das erste mal in dieser Stadt ein wenig unwohl fühlten, da wir wie Außerirdische angestarrt und schon bei dem kleinsten Blickkontakt angesprochen wurden. Wir schauten uns die großen Skulpturen des berühmten kolumbianischen Künstlers Botero, sowie die beeindruckende Kathedrale Metropolitana an und entschlossen uns danach wieder zurück in unsere Nachbarschaft zu fahren. Dort bestiegen wir einen Hügel, der uns sehr an den Schlossberg in Graz erinnerte und auf dessen Spitze sich ein kleines, buntes Dorf befindet.




Die Zeit in Medellin machten auch unsere Mitbewohner in unserer Unterkunft besonders, mit denen wir uns sehr gut verstanden. Neben unserem lustigen Gastgeber wohnten noch ein Franzose, der schon seit 10 Jahren reist und den wir liebevoll „Monolog-Guy“ nannten, da er gerne redete und das am liebsten über sich selbst, ein zweiter Franzose in unserem Alter, der ein Jahr in Kolumbien verbringt, ein Mexikaner der in Medellin studiert sowie ein Türke mit dem wir uns besonders gut verstanden, hier. Mit unserem türkischen Freund Nail saßen wir abends gerne auf 1-2 Bier zusammen und tratschten oder hörten Musik aus unterschiedlichen Ländern, die er uns begeistert zeigte. Als Nail schließlich in eine andere Unterkunft umzog, bestand er darauf, uns ein Buch über seine Heimatstadt in der Türkei zu schenken, damit wir etwas von ihm haben und ihn nicht vergessen. Wir wollten das Geschenk erst auf keinen Fall annehmen, da Nail vier Jahre in Südamerika verbringen wird und dieses Buch das einzige ist, das er aus seiner Heimat mitgebracht hat. Er ließ jedoch nicht locker, also nahmen wir seine Geste gerührt an und werden unseren herzlichen Freund sicher wirklich nicht mehr vergessen.

Als wir das Auto fertig ausgebaut hatten verabschiedeten wir uns von allen neu gewonnenen Freunden und machten uns ein letztes mal auf den Weg zu Jorge, um unsere letzten Papiere abzuholen. Dieser und all seine Mitarbeiter waren von unserer Arbeit angetan und schossen noch einige Fotos, bevor wir uns auf den Weg aus der Stadt hinaus Richtung Guatapé machten, um unsere neu gewonnene Freiheit in der Natur zu genießen.


