Wer den letzten Blogeintrag gelesen hat kann vielleicht nachvollziehen, dass wir uns nach einer kleinen „Pause“ sehnten. Aus diesem Grund buchten wir in Cusco für zwei Nächte ein Apartment, in dem wir Klo, Dusche, Küche, ein großes Bett und eine Waschmaschine hatten. Sich jeden Tag aufs Neue einen sicheren Schlafplatz zu suchen, dabei ständig auf der Suche nach einer Wasserquelle zum Waschen von Geschirr und einem selbst zu sein und sich das Klogehen nebenbei noch gut einteilen zu müssen kann ab und zu ganz schön anstrengend sein. Umso mehr genießt man dann aber die Vorzüge eines Apartments, weshalb wir dieses zwei Tage lang auch nur zum Einkaufen verließen und es ansonsten komplett auskosteten. Wir nutzten den Ofen um Pizza zu machen, schauten fern, erledigten Dinge für die wir Internet benötigten und gingen überdurchschnittlich oft aufs Klo, einfach um den Luxus auszunutzen, jederzeit aufs Klo gehen zu können. Und die Dusche war auch noch warm (zumindest die meiste Zeit), was natürlich auch nicht ungenutzt blieb. Es tat richtig gut einfach nur Nichtstun zu können und sich um Dinge wie Sicherheit oder Wasser keine Gedanken machen zu müssen.
Gut erholt machten wir uns nach diesen zwei Nächten auf zu den berühmten Rainbow-Mountains im Süden Perus, die ihren Namen wegen der vielen verschiedenen Farben erhalten haben, in denen sie zu bewundern sind. Die Fahrt zum Ausgangspunkt der Wanderung die wir vorhatten war wiedereinmal steinig – im wahrsten Sinne des Wortes. Unser Bus kämpfte sich die schmale Schotterstraße nach oben und wir waren fast an einem flachen Platz am Fluss angekommen an dem wir schlafen wollten, als der Bus der Kombination aus Höhe, Schotter und Steilheit nicht mehr gewachsen war. So knapp vorm Ziel wollten wir nicht aufgeben und so schob ich den Bus stückweise den Hügel hinauf, bis wir es schließlich geschafft hatten. Ziemlich fertig und schnaufend freute ich mich aufs Sitzen, doch gerade als wir uns in die Campingstühle geschmissen hatten bemerkte Flo, dass unser Hinterreifen ungewöhnlich flach war. Also machten wir uns ans Reifenwechseln und merkten schnell, dass auch im Reserverad wenig Luft war. Gerade kamen zwei Fischer angefahren und nach einem kurzen Gespräch über Fischtechniken fragte Flo sie nach einer Luftpumpe. Tatsächlich hatten sie eine dabei und so versuchten wir den Reifen aufzupumpen, wobei jedoch leider die Pumpe dran glauben musste. Nach weiteren Überlegungen beschlossen wir schließlich den Berg wieder hinunterzufahren, um den Reifen an der Tankstelle aufzupumpen. Dort angekommen stellten wir fest dass es zwar eine Luftpumpe gab, jedoch kein Manometer, mit dem der Luftdruck gemessen werden konnte. Nachdem ich den Tankwart nach einem solchen Gerät fragte schaute er mich nur verwundert an und meinte, den Luftdruck müsste man einfach schätzen. Etwas anderes blieb uns eh nicht übrig, immerhin sah der Reifen nun nicht mehr flach aus. Erneut machten wir uns an die Fahrt den Berg hinauf und wieder schob ich den Bus das letzte Stück an – dieses Mal schon im Stockdunkeln.
Am nächsten Morgen versuchten wir uns an der Weiterfahrt den Berg hinauf und dank Flos Ralley-Stil kamen wir ziemlich weit, bevor der Motor aufgab. An dieser Stelle ließen wir das Auto dann einfach stehen und begannen den Rest zu Fuß zu marschieren. Dies bereuten wir keineswegs, denn die Landschaft war wunderschön und wir gingen gemeinsam mit ein paar indigenen Einheimischen auf dem Weg in die Arbeit immer weiter den Berg hinauf. Es ging gerade vorbei an grasenden Lamas, als es plötzlich begann in dicken Flocken zu schneien. Wir freuten uns sehr, denn es war der erste Dezember und der Schnee ließ ein wenig Adventstimmung aufkommen.
Leider war durch den Schnee auch kein Himmel zu sehen und eine dicke Nebeldecke sowie eine dünne Schneeschicht verdeckten die Berggipfel, weshalb wir, als wir am Rainbow-Mountain ankamen, leider nur wenig „Rainbow“ sahen. Stattdessen stand plötzlich ein Mann in Sandalen im Schnee vor uns und bot uns an, ein Foto mit seinem Lama zu machen. Wir hofften sehr, dass er die Sandalen nur für Fotos mit Touristen anzog und ansonsten etwas Wärmeres für seine Füße im Schnee hatte.


Obwohl wir vom Schneeregen schon ziemlich durchnässt waren und der Wind auf 4700 Höhenmetern auch nicht gerade dazu beitrug dass uns wärmer wurde, wanderten wir weiter dem Berggipfel entgegen. Oben angekommen wartete ein „Steinwald“, wie er genannt wird, auf uns, der uns sehr beeindruckte. Wir ließen uns auf den Steinen nieder und warteten, denn wir hatten das Gefühl die Sonne leicht zu spüren. Das Warten lohnte sich und wenig später zog es minimal auf, sodass wir doch noch einen Blick auf die Regenbogenfarben erhaschen konnten.





Unser letztes Ziel in Peru war der größte See Südamerikas und der höchstgelegenste beschiffbare See der Welt – der Titikaka-See. Bevor wir diesen erreichten, legten wir jedoch noch einen Zwischenstopp in einem Einkaufszentrum ein, wo ich meinen persönlichen Albtraum durchlebte: Mit Migräne in Mitten einer konsumgesteuerten Menschenmenge, während fünf verschiedene Weihnachtslieder aus unterschiedlichen Richtungen zu hören sind. Aufgrund meiner Kopfschmerzen versuchten wir unseren Einkauf so schnell wie möglich hinter uns zu bringen, bevor es weiter in die Stadt Puno ging. Dort versuchten wir mindestens sieben verschiedene Straßen, bis wir eine fanden die nicht fast senkrecht nach unten ging oder vor lauter Schlaglöchern keinen Asphalt mehr enthielt. Auf dieser fuhren wir an den Stadtrand, wo wir uns in eine Wiese nahe an Zuggleise parkten, weil wir keine Lust mehr hatten weiterzusuchen. Dieser Schlafplatz wurde aufgrund seines undefinierbaren und penetranten Geruchs später von uns „Stinkeplatz“ getauft.
Am nächsten Morgen schauten wir, dass wir möglichst schnell vom Stinkeplatz wegkamen und fuhren stattdessen an einen Strand, an dem wir einen Shakshouka-Brunch mit Aussicht auf den blauen See genossen und einen gemütlichen Tag in der Sonne verbrachten.

Auf Empfehlung anderer Reisender nahmen wir Kontakt mit Yordi auf, der mit seiner Familie auf den schwimmenden Uros-Inseln im Titikaka-See lebt und auf Wunsch Touristen mit dorthin nimmt und ihnen das Leben dort ein wenig erklärt. Gemeinsam mit Yordis Schwester und deren Kinder machten wir uns in der Früh mit dem Boot auf zu der Insel seiner Familie. Dort erklärte er uns, dass die Inseln aus einer Art Schilf (ähnlich dem Zuckerrohr) gebaut werden und alle 15 Tage von oben mit neuen Schichten erneuert werden müssen, da sie nach unten hin verrotten. Außerdem hängen die Inseln an mehreren Ankern um nicht davonzuschwimmen. Auch die Häuser und viele Möbel werden aus dem Schilf gebaut und wenn man auf der Insel geht, fühlt es sich weich und ein bisschen wackelig an. Yordis Schwester kleidete uns in traditionellen Gewändern und wir wurden auf der Insel behandelt, als würden wir Teil der Familie sein und auch hier wohnen.






Nach dem Besuch der Familieninsel brachte uns Yordi mit dem Boot auf eine der drei Schulinseln der Community, wo uns ein paar Kinder stolz ihren Klassenraum zeigten. Insgesamt gab es drei Gebäude mit je einem Klassenzimmer – also vier Klassen. Nach der Volksschule lernen die Kinder einen Beruf (meistens Fischer oder Weberinnen) oder besuchen eine Schule am Festland. Die Kinder lernen in zwei Sprachen: Aymara und Spanisch – hauptsächlich aber Aymara. Die Klassenräume waren sehr spärlich eingerichtet, und ich konnte nur wenige, sehr mitgenommene Schulbücher in einer Kiste in der Ecke entdecken. Lustig war es für uns anzusehen, dass die Schulkinder in Booten zur Schule kommen und dass die Lehrer um 9:45 Uhr langsam anfingen einzutrudeln, obwohl uns Yordi erklärt hatte, dass die Schule jeden Tag von 9:00 – 13:00 Uhr dauert. Die Zeit bevor die Lehrer eintrafen beschäftigten sich die Schüler*innen ohne Erwachsene mit Kritzeln an der Tafel und Ballspielen.


Wir durften 3 der insgesamt 120 Uros-Inseln im Titikaka-See besuchen, auf denen ca. 2000 Menschen leben. Jede Insel hat übrigens einen eigenen „Chef“ und es gibt einen Präsidenten für die gesamte Community.
Für uns war dieser Ausflug mehr als interessant und wieder einmal waren wir dankbar für die Gastfreundschaft und die Offenheit, mit der Yordi und seine Familie ihr Leben mit uns teilten.


Für die folgende Nacht hatten wir uns spontan einen Schlafplatz in der Nähe der Grenze ausgesucht, weil wir am nächsten Tag weiter nach Bolivien fahren wollten. An einer alten Tankstelle die nicht mehr in Betrieb ist fanden wir einen versteckten Platz hinter einer Mauer und bauten dort unsere kleine Küche auf, da uns der Hunger schon plagte. Während wir kochten witzelten wir, dass das Haus eventuell doch noch bewohnt sein könnte, da das Aussehen der Häuser hier nicht wirklich darauf schließen lässt ob sie verlassen sind oder nicht. Hinter einer Hausecke fanden wir nämlich sogar eine Wasserleitung, die wir zum Geschirrspülen und waschen benutzen konnten. Als ich ungefähr um 23:30 Uhr aufwachte weil ich aufs Klo musste und schlaftrunken die Autotür öffnete bekam ich einen Riesenschreck. Das Licht im Haus brannte plötzlich und die Tür war einen Spalt weit geöffnet. Panisch schmiss ich die Autotür wieder zu und weckte Flo, um ihm mitzuteilen dass wir mitten im Hof eines bewohnten Hauses parkten. Wie Spione saßen wir daraufhin am Fenster, trauten uns fast nicht zu atmen und beobachteten, wie die Bewohner des Hauses immer wieder ein und aus gingen. Wir wussten nicht ob wir aussteigen und uns für unsere Frechheit entschuldigen oder uns lieber verdeckt halten sollten, weil wir das Verhalten des Paares nicht deuten konnten. Wir waren uns nicht sicher ob die beiden uns einfach ignorierten und sich nicht einmal über unsere Anwesenheit wunderten oder ob sie gerade dabei waren selbst nachzudenken was sie mit dem fremden, kolumbianischen Auto in ihrem Garten tun sollen.
Da wir zu feige zum Aussteigen waren, warteten wir ab, bis die beiden gerade im Haus waren, setzten uns dann nach vorne und fuhren so schnell es ging davon. Wir hoffen, wir haben den beiden keine Angst gemacht und sie konnten in dieser Nacht gut schlafen. Wir fuhren jedenfalls zurück nach Puno und schliefen am selben Platz wie schon am Tag davor, wo wir erst um 1:00 Uhr morgens ankamen.
Tags darauf ging es also erneut für uns Richtung Grenze, wo wir 15 Minuten vor dem Ziel von einer Frau und ihrem Verkehrshütchen angehalten wurden. Sie deutete uns zu warten, da sich vor uns eine Baustelle befand. Die Minuten vergingen und langsam fing sich hinter uns an ein langer Stau an zu bilden. Ein ungeduldiger Mann stieg aus und fragte nach, wie lange wir noch warten müssten und als er nach der Antwort der Frau anfing wild mit den Armen zu fuchteln und zu schimpfen wurde uns klar, dass das nichts Gutes bedeuten könnte. Wie wir gleich darauf herausfanden, hatten die Bauarbeiten gerade jetzt begonnen und die Wartezeit betrug ungefähr 2 Stunden. (Was auf südamerikanisch mindestens 3 Stunden bedeutet.) Als wir das hörten ärgerten wir uns über die Frau, die das Auto vor uns noch durchgelassen hatte und dann genau vor uns entschied mit der Sperre zu beginnen. Immer mehr ungeduldige Autofahrer sammelten sich an der Straßensperre und redeten wild gestikulierend auf die arme Frau ein. Manche benutzten das Verkehrshütchen als Megaphon und riefen ihren Frust hinaus. Irgendwann entschieden wir diese komische Situation zu verlassen, drehten um und fuhren ein Stück zurück, wo wir durch Zufall einen versteckten Platz auf einem Hügel fanden, den wir zu unserem Schlafplatz erkoren. Diese Entscheidung erwies sich als sehr gut, denn wir genossen einen wunderschönen Sonnenuntergang am See mit schneebedeckten Bergen im Hintergrund.

Als wir uns am nächsten Tag zum dritten Mal auf zur Grenze machten, landeten wir abermals an einer Straßensperre. Dieses Mal zeigten uns Einheimische allerdings eine Abkürzung auf einer engen Straße, wo wir zwar langsam aber doch an den Bauarbeiten vorbeikamen.

Kurz vor der Grenze nahmen wir noch ein kaltes Bad im Titikaka-See gemeinsam mit ein paar Flamingos, die sich nicht von uns stören ließen.


Das Passieren der Grenze von Peru nach Bolivien verlief ohne Probleme und ziemlich schnell. Wir erhielten ohne ein Wort den Einreisestempel, eine gerade ihr Baby stillende Frau stellte uns unsere Papiere für die Einreise des Autos aus, wir wechseln unsere restlichen Pesos an der Straße in Bolivianos um und schon konnten wir die Weiterfahrt in unser viertes Land in Südamerika antreten.
